Alles Nazis oder was?

Der Begriff Nazi ist uns nicht treffend genug, um das, was in Europa seit einigen Jahren passiert zu beschreiben. Einerseits relativiert die inflationäre Nutzung des Begriffs die Verbrechen der Nationalsozialisten, andererseits bietet es die Möglichkeit, sich hinter dem Begriff zu verstecken, und alles, was gegen einen gerichtet wird, mit jetzt kommen sie wieder mit der Nazikeule abzutun.

Egal ob wir es mit Trump, Putin, Orbán, dem Front National, der PiS oder der AfD (um nur einige zu nennen) zu tun haben, sie alle eint, dass sie als faschistisch oder vor- / proto- faschistisch bezeichnet werden können.
Der Begriff Faschismus kann zu einer Sammelbezeichnung werden, weil faschistische Regime auch dann als faschistische Regime zu erkennen sind, wenn ein oder mehrere Merkmale abgezogen werden. Das faschistische Spiel kann auf viele Weisen gespielt werden und in einzelnen Punkten durchaus widersprüchlich sein.

Faschismus ohne Imperialismus:

– Franco (1936 – 1975 in Spanien) und Salazar (1933 – 1974 in Portugal).

Faschismus ohne Kolonialismus:

– Ustascha (Balkanfaschismus seit 1929)

Faschismus mit Imperialismus:

Nationalsozialisten (1933 – 1945 in Deutschland)

Faschismus mit Antikapitalismus:

– Ezra Pound (seit 2003 in Italien)

Um eines vorweg zu nehmen: Faschismus war und ist keine Doktrin, sondern eine Rhetorik!

Faschismus ist dabei eher eine Rhetorik des Verlustes statt des Gewinnens. Suggeriert wird der Verlust einer Identität, die auf gemeinsamer Kultur, Arbeit und Wünschen beruht. Übrig bleibt dann nur die Gemeinsamkeit der Abstammung oder Zugehörigkeit, an welche sich die Identität fest haften kann.

Wir erleben die weltweit von Krisen geschüttelten Mittelschichten im Spätkapitalismus, wie sie ihren Hass auf alle Anderen ausleben. Und nach all den Jahrzehnten ist es noch immer der reiche Jude, welcher die Welt nach seinem Willen aus dem Hinterzimmer lenkt und Europa dabei mit Strömen von muslimischen Migranten überschwemmt. George Soros, die Personifizierung des globalen Antisemitismus, gemischt mit strukturellen rassistischen Vorurteilen.

Der Faschismus unserer heutigen Zeit hat eine neue Dynamik entwickelt, die darauf gründet, dass Hass, Scheinheiligkeit und Doppelmoral als authentisch gelten. In Zeiten, wo das Volk wieder aus einer Masse statt aus Individuen besteht; wo von denen und uns gesprochen wird; wo andersdenkende als Gutmenschen und Volksverräter bezeichnet werden; wo allgegenwärtig entmenschlicht wird und abweichende Meinung als Verrat gilt, müssen wir dringend klären, was die Merkmale des Ur-Faschismus sind – um ihn zu entlarven und anschließend wirksam entgegentreten zu können!

Traditionenkult:

Der Traditionalismus (Kult der Überlieferungen) ist das erste Merkmal des Ur-Faschismus als Gegenbewegung zum Synkretismus (Vermischung verschiedener Religionen, Konfessionen, philosophischer Lehren, welche auch Widersprüche ertragen muss) Es kann keinen Fortschritt der Erkenntnis geben, die Wahrheit ist ein für allemal verlautbart.

→ das impliziert:

Eine Ablehnung der Moderne:

Trotz Technikverehrung basiert die Ideologie auf Blut und Boden. Die Ablehnung der Moderne tarnt sich oft als Verurteilung der kapitalistischen Lebensweise. Im Grunde werden sowohl die Errungenschaften der 68er, sowie die Aufklärung und Werte von 1776 bzw. 1789 abgelehnt.

Irrationalismus:

Aktion um der Aktion willen. Denken wird als Form der Kastration betrachtet. Misstrauen gegenüber dem Intellekt. Kultur wird verdächtig, sobald sie kritisch wird. Wenn ich von Kultur reden höre, ziehe ich den Revolver (Goebbels).

Ablehnung der analytischen Kritik:

Kritische Geister ziehen Unterscheidungen, und zu Unterscheiden ist ein Zeichen von Modernität. Während die Wissenschaft mangelnde Übereinstimmung als nützlich ansieht um gegenseitiges Wissen zu vermehren, ist Kritik für den Ur-Faschismus Verrat.

Ablehnung von Meinungsvielfalt und Pluralismus:

Kritik und Dissens sind immer ein Zeichen für Vielfalt. Der Ur-Faschismus hingegen sucht und vermehrt Konsens, indem die natürliche Angst vor Unterschieden ausgebeutet und verschärft wird. Der erste Appell des Faschismus oder Vorfaschismus richtet sich gegen die Eindringlinge. Daher ist der Ur-Faschismus auch immer rassistisch.

Entstehen durch individuelle oder gesellschaftliche Frustration:

Der Appell an die frustrierte Mittelklasse in einer ökonomischen Krise oder bei politischer Demütigung. Der heutige Faschismus wird sein Publikum vor allem im modernen Kleinbürgertum finden. Kapitalistische Zwänge führen irgendwann unweigerlich zu neuen ökonomischen Krisen und somit zu neuen (Vor-)Faschismen.

Nationalismus:

Menschen, die sich der sozialen Identität beraubt fühlen, wird ein einziges Privileg zugesprochen: In demselben Land geboren zu sein. Die Wurzel der ur-faschistischen Psychologie ist Verschwörung. Die Anhänger müssen sich ihrer Heimat beraubt, oder belagert fühlen, am besten durch Fremde. Jüdische Menschen bieten dafür eine ideale Projektionsfläche, da sie in der Regel sowohl von innen, als auch von außen als Bedrohung funktionieren.

Demütigung vom Reichtum und der Macht der Fremden:

Damals: Juden sind reich und haben ein geheimes Netz gegenseitiger Unterstützung. Heute: Flüchtlinge kriegen alles, haben iPhones, nehmen unsere Frauen und haben sich zur Invasion verschworen. Gleichzeitig müssen sie jedoch überzeugt sein, dass sie ihre Feinde besiegen können. Durch eine Verlagerung der Rhetorik kommt es dazu, dass diese Feinde im Wechsel zu stark oder zu schwach sind.

Das Leben ist nur um des Kampfes Willen da:

Pazifismus ist die Verbrüderung mit dem Feind.

Elitedenken:

Der Ur-Faschismus predigt ein völkisches Elitedenken. Man gehört dem besten Volk, der besten Rasse an. Der Führer weiß, dass ihm die Macht nicht demokratisch übertragen werden kann, dass seine Kraft in der Schwäche der Masse wurzelt. Jeder Unterführer verachtet seine Untergebenen. Die Folge ist ein massenhaftes Elitebewußtsein.

Erziehung zum Heldentum:

Ein Held ist in der Mythologie ein außergewöhnliches Wesen. Im Faschsimus ist der Held die Norm. Das Heldentum hängt eng mit einem Todeskult zusammen. Der Held im Faschismus sucht ungeduldig den heroischen Heldentod als beste Belohnung und schickt in dieser Ungeduld gerne andere in diesen Tod.

Übertragung des Willens zur Macht und des Heldentum auf die Sexualität:

Andauernder Krieg und Heldentum sind schwierige Spiele, deshalb wird das Spiel der Macht gerne auf die Sexualität übertragen. Das ist der Ursprung der Frauenverachtung und der Intoleranz gegenüber ungewöhnlichen Sexualpraktiken, als auch der Ablehnung von Homosexualität. Da unter dieser Ablehnung auch die Sexualität ein schwieriges Spiel ist, neigt der Ur-Faschist zur phallischen Ersatzübung, dem Spiel mit der Waffe.

Selektiver Populismus:

Der individuelle Bürger wird durch den Volkskörper ersetzt. Da aber eine große Anzahl von Menschen keinen gemeinsamen Willen haben kann, wird der Führer zum Interpreten diesen Willens. Das Nürnberger Reichstagsgelände wird zum Internetpopulismus, bei dem die Antwort einer ausgewählten Gruppe (Filterblase) als ein wir sind das Volk präsentiert werden kann.

Urfaschismus spricht Neusprache:

Ein verkürztes und ausgrenzendes, intolerantes Vokabular mit Framing und übernommener Deutungshoheit. Von Lügenpresse bis Umvolkung werden Begriffe neu etabliert und durchgesetzt

Hauptquelle: Umberto Eco „Der ewige Faschismus“